Mein Freund, der Vlogger

Ein Freund von mir betreibt aus Hobby, Lust und Laune einen YouTube-Kanal. Sein zum aktuellen Zeitpunkt letztes Video hat den Titel „Wie ich fast die Faszination an Games verloren hätte“ und reiht sich im Prinzip ein in eine Menge thematisch verwandter Videos mit ähnlichen Inhalten und der Frage: liegt es an mir oder an den Spielen?

Schauen wir uns doch zunächst einfach mal das Video an.

Die Ursachen

Pawl benennt hier gleich mehrere mögliche Ursachen dafür, dass Spiele auf ihn heute weniger Faszination ausüben, schneller „verbraucht“ sind und ihm irgendetwas abhanden gekommen ist, dass er gar nicht so genau greifen kann. Ich nehme hier einige Punkte auf und ergänze sie um eigene Gedanken.

Kurzlebigkeit von Spielen und Communities

Das Paradoxe hieran ist ja, dass Spiele- gerade auch Open World Games- eigentlich immer umfangreicher werden, wenn man die reine Spielzeit betrachtet. Dennoch werden wir sehr gerne- von der Industrie, aber auch von uns selber oder einer Community, der wir beiwohnen, und sei es nur die sehr allgemein gefasste Community/Gesamtheit der „Gamer“, von einem Spiel zum nächsten getrieben.

Es gibt ja zum Beispiel immer ein kommendes Spiel, einen nächsten Release, der den einen oder anderen Kritikpunkt, den wir am aktuellen Hitspiel haben, besser löst oder sogar in eine Stärke verwandelt. Da es das Genre ist, mit dem ich am besten bekannt bin, erinnere ich mich zu gerne an die Hochzeit der MMORPGs von 2007-2012, als immer ein nächstes MMORPG erscheinen würde, das die Schwächen von WoW ausbügeln würde und sich als das bessere Spiel herausstellen würde- es gab immer den nächsten WoW-Killer. Ich fasse einmal zusammen:

2007: Vanguard, Lord of the Rings Online, Hellgate:London, Tabula Rasa
2008: Age of Conan, Warhammer Online
2009: Aion, Champions Online, Fallen Earth
2010: Global Agenda, Star Trek Online, Final Fantasy XIV
2011: DC Universe Online, Rift, Star Wars: the Old Republic
2012: Tera, The Secret World, Guild Wars 2, Planetside 2
(Quelle: https://biobreak.wordpress.com/mmo-timeline/)

Danach ebbte der Fluss, insbesondere an „westlichen“ MMORPGs, spürbar ab und einen WoW-Killer erwartete auch niemand mehr wirklich. Ich kann aber gar nicht sagen, wie viele der Spiele aus dieser Liste ich nur gestartet habe, um eine Zwischenzeit zu überbrücken bis zu einem Spiel, auf das ich tatsächlich gewartet habe (gewartet habe ich auf die Spiele, die oben fett gedruckt sind; gespielt habe ich alle Genannten).

Jetzt handelt es sich hierbei um ein Genre, das notorisch langsam ist, weil die Entwicklungszeiten sehr lang sind, die Evolution von Features ebenfalls eher träge- aber in einer Zeit des Hypes. Spiele anderer Genres haben einen ganz anderen Zyklus, eine ganz andere Halbwertszeit, es geht viel schneller. Ein Battlefield/EA FC/Modern Warfare/Assassins Creed etc. pro Jahr- es ist kein Wunder, dass man sowohl ein Gefühl der Übersättigung bekommt als auch das Gefühl, dass nichts Neues kommt.

Was natürlich auch nicht stimmt, es gibt immer, jedes Jahr, Überraschungshits und Spiele, die so gut sind, dass sie tatsächlich durch „Mund-zu-Mund Empfehlungen“ zum Hype werden. Die kommen halt noch oben drauf.

Effizienzdenken

Drum hat man ja gar keine Zeit für das eine Spiel. Man würde sich ja gerne ganz genüsslich Dragon Age: Veilguard anschauen, aber im Februar kommt ja schon Kingdom Come Deliverance 2. Drum muss man sich beeilen, 8 Stunden am Tag und jeden Tag spielen, ob man Lust hat oder nicht. Oder irgendetwas anderes. Den Sonnenaufgang genießen, oder an einem See etwas angeln? Keine Zeit. Aber auch in den Spielen selbst gibt es häufig einen „Sense of urgency“. Wenn man die Welt retten muss, überall Dämonen aus dem Untergrund kommen- wieso sollte man sich für ein Kartenspiel in eine Taverne setzen?

FOMO & soziale Vergleiche

Den Aspekt des „nächsten Spiels“ oder des nächsten Hypecycles hatten wir schon zuvor, aber es gibt ja auch noch etwas- die befreundeten Gamer sitzen ja heute nicht mehr auf der Couch neben einem, sondern sind in der gleichen Gilde, Clan oder sehen dem gleichen Streamer zu. Das kann den Effekt haben, dass man das gleiche Spiel spielen möchte wie das soziale Umfeld. Oder deren Argumentation übernimmt- ich meine, wenn der Streamer hunderte Stunden in ein Spiel gesteckt hat um dann festzustellen, dass die Endgame-Progression nicht so ist, wie er sie sich vorgestellt hat, dann braucht man selber das ja nicht mehr tun, außerdem spielt er ja schon das nächste Spiel.

Persönliche Veränderungen und in der Industrie

Ja, angeblich haben wir ja heute alle weniger Zeit- aber wie kommt’s dann, dass Menschen, die sich „Casual“ nennen, trotzdem zeitweise in der Lage sind, die neueste WoW-Erweiterung in 2 Wochen durchzusuchten? Trotzdem stimmt’s natürlich, ich jedenfalls verbringe insgesamt deutlich weniger Zeit in Games als früher- meistens aber nicht aufgrund fehlender Zeit, sondern weil ich in der Zeit, die mir zur freien Verfügung steht, gerne auch mal andere Dinge machen möchte.

Die Gaming Industrie weiß das natürlich, und noch einiges mehr. Wie sie uns dazu bringen können, uns dann doch einzuloggen, obwohl wir gerade lieber etwas anderes tun würden (Season Pass und Daily/weekly Quests, als Beispiele). Es gibt auch einen weiteren psychologischen Effekt, den soziale Netzwerke und Games inzwischen fast perfektioniert haben- aber fragt mich nicht, wie man den nennt- wenn man auf einer Party ist und man unterhält sich mit jemandem, jemand anders auf der anderen Seite des Raumes nennt aber unseren Namen, dann bemerken wir das. Das ist eine bestimmte Art von Aufmerksamkeit, die soziale Netzwerke und Games triggern können. Unsere Aufmerksamkeit wird also gesteuert, als wenn wir gerufen werden oder unser Name irgendwo erwähnt wird. Teilweise ist das in Games exakt als Telefonanruf interpretiert. Natürlich ist sowas sehr anstrengend.

Sie haben aber ganz sicher noch viel, viel mehr Tricks auf Lager.

Fehlende Verbindung

Es ist sicher nicht der eine allgemeingültige Lösungsansatz, aber aus all dem oben genannten kann eine fehlende Verbindung zum Spiel selbst die Folge sein. Ja, wir haben vielleicht etliche kosmetische Gegenstände bekommen, weil wir uns täglich eingeloggt haben, aber wir haben sie nicht entdeckt, nicht erspielt oder sonst etwas. Wir verknüpfen es nicht mit Erinnerungen irgendeiner Art- nicht, wie wir mit unseren Freunden stundenlang auf der Couch saßen und uns abwechselten, um diesen einen Boss zu besiegen. Auch nicht, wie wir mit der Gilde zu Fuß von Sturmwind nach Eisenschmiede gelaufen sind. Oder wie wir zwar Stufe 40 erreicht, aber noch nicht das nötige Gold für das Pferd beisammen hatten.

Auch spielen wir die Games heute kaum lange genug, damit sie einen Echtleben-Bezug bekommen; dafür müssen sie uns ja über einen Lebensabschnitt begleitet haben. Vielleicht hat es in der Zeit eine Trennung gegeben, oder einen Umzug, aber das Spiel hat uns weiter begleitet. Oder noch besser: die Gilde/Clan/Community. Das passiert in einem 2-4-Wochen-Hypecycle halt eher selten.

Die Meinung

Kurzum, ja, ich kann Pawls Gefühle verstehen, ich denke nur, egal ob diese Veränderungen ihren Ursprung in der Gaming-Industrie (sicher), bei uns selbst (ebenso) oder beidem oder noch viel mehr Umständen (bestimmt) haben, am Ende sind wir die Gamer. Jedes einzelne Element können wir steuern oder beeinflussen; das Schwierige ist nur, dass wir wieder bewusste Entscheidungen treffen müssen, statt eingeübten Automatismen zu folgen.

Gaming hat gegenüber Fernsehen, Streamen, YouTube schauen oder dem Stream eines sozialen Netzwerks zu folgen den Vorteil (bzw. je nach Erschöpfungsgrad den Nachteil), dass es eine aktive Handlung/Beschäftigung ist. Wir müssen etwas tun. Allzu oft sind wir heute aber auch passive Konsumenten, während wir spielen- oder in der Zeit dazwischen. Sei es durchs Gamedesign oder durch unser eigenes Verhalten- kein Wunder also, wenn sich der passive Konsum nicht mehr so anfühlt wie das aktive Erleben „damals“.

Daher sollten wir uns vielleicht bemühen, diesen Spieß wieder herumzudrehen und Gaming als aktive Handlung zu verstehen.

  • Herausfinden, was man mag, und auch mal „nein“ sagen, wenn der Hypecycle weiterzieht
  • wenn’s zu schnell ist: entschleunigen
  • nicht zu viele Informationen vorab herausfinden (es gibt nicht nur Story-Spoiler; wie gesagt, Gaming ist ein aktives Hobby)
  • Verbindung herstellen durch langsamere, bewusstere und aktive Herangehensweise
  • sich eine Gilde/Community/kleinen Streamer oder Youtuber suchen und dran bleiben
  • bei alldem keine Perfektion erwarten; nicht vom Spiel, nicht von der Gilde
  • wenn man Spaß dran hat: die Leidenschaft für’s Hobby nutzen, um etwas anderes Kreatives daraus entstehen zu lassen- einen Blog, etwas Handwerkliches, Fan Fiction, eine Zeichnung, Cosplay, YouTube-Videos, Twitch Streams

Der Weg ist das Spiel

Nicht zuletzt deshalb gibt’s diesen Blog. Ist natürlich ekelhaft altmodisch, so etwas. Es passt mir aber am besten, und mir gefällt das Motto. Ich kann derweil nur allen, denen es ähnlich geht wie Pawl, wünschen, dass sie die Faszination wiederfinden- vielleicht im Gaming, vielleicht versteckt sie sich einfach inzwischen woanders.

Kategorien: KompassTaverne

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